Hommage an die Nacht
Essay mit Gedichten und Fotos
Ich liebe die Nacht, habe sie schon immer geliebt. Es fing schon als Kind an, wenn ich meinen Onkel, der einen Krabbenkutter besaß, auf Fangtour begleiten durfte. Denn es wurde immer des Nachts ausgelaufen, mit der Ebbe. Für mich war es aufregend und faszinierend durch den nächtlichen Tönninger Hafen zu gleiten, die Eider entlang und dann auf die Nordsee. Mit achtzehn endlich den Führerschein und viele, viele nächtliche Autofahrten.
Bekennenden Nachtmenschen wendet die Nacht eine Seite zu, die denen verborgen bleibt, die mehr oder weniger tief und traumlos dem nächsten Tag entgegenschlafen. Denen aber, die empfänglich sind für ihre Einflüsterungen, öffnet die Nacht die Tür zu einem vieldeutigen, schattenhaften Gebiet voll düstere Anziehungskraft. Ob man ihr mit großen Erwartungen oder ihr mit diffusen Ängsten begegnet, ob man in die Dunkelheit flüchtet oder ob man sie einfach nur genießt – sie alle wissen etwas von der verwandelnden, auflösenden, entgrenzenden Kraft der Nacht. Sie wissen, was es heißt, schlaflos auf sich selbst zurückgeworfen zu sein und sich mit der eigenen, inneren Nacht konfrontiert zu sehen. Sie kennen diesen gesteigerten Zustand, in denen die Dinge und die Menschen ihnen eine andere, unheimlichere Seite zuwenden. Fremder und verlockender erscheint ihnen, was sie suchen, labyrinthischer und abgründiger, was sie denken, angstvoller und intensiver, was sie fühlen. Die Nacht hat eine andere, poetische Sprache. Sie hat die nüchterne, geschäftliche Grammatik des Tages abgestreift. Dramatischer und wilder sagt sie, was sie zu sagen hat. Dem einen zeigt sie die Tür zu dem dunklen, unkontrollierbaren Raum der Seele und lässt ihre Dämonen frei, dem anderen öffnet sie kreative Spielräume und Fantasien, die der Tag nicht zugelassen hat. Für den einen ist sie die verstörende Begegnung mit sich selbst, die ihm die Aktivitäten des Tages erspart haben, dem anderen schenkt sie wertvolle Zeit für ein intimes Gespräch mit sich selbst. Der eine hofft in den Armen der Nacht alles zu vergessen, sehnt sich danach im Rausch das Paradies zu finden, der andere glaubt, erst wenn er sich vollends verliert, ganz bei sich zu sein. Der Blick in den nächtlichen Himmel weckt bei dem einen das Gefühl von Verlorenheit, dem anderen schenkt er Geborgenheit. Gemeinsam aber ist ihnen die Erfahrung, dass die Nacht eine andere Saite in ihnen anschlägt und zum Klingen bringt als der Tag. Wenn nach C. G. Jung in jedem von uns auch ein anderer ist, dann steigen nachts die Chancen, diesen anderen kennenzulernen. So, als sei nur im Schutz der Dunkelheit Zutritt erlaubt zum dunklen Kontinent der Seele. Hier zeigen sich verborgenste Wünsche, das abgründigste Begehren. Sie suchen in der Nacht was am Tage nicht zu finden ist: Sprengung der Regel-Ketten in das eine hemmungslos der Leistung und Effizienz huldigende Gesellschaft sie tagtäglich schlägt und sie somit von sich selbst entfernen lässt. Ein Punkt wird erreicht wo die Sehnsucht, mehr man selbst oder ein anderer zu sein immer größer wird. Ein Verlangen nach Masken, gesteigertem Erleben und das dunkle Bewusstsein, dass die Nacht viele Geheimnisse hat, von denen der Tag nichts ahnt.
Was wissen die rund um die Uhr Eingeloggten, die rund um die Uhr Erreichbaren von der Nacht? Wissen sie, dass die Nacht ein Rückzugsort sein kann – als Angebot zur Selbstbesinnung, als geschenkte Zeit für ein Gespräch mit sich selbst? – wohl kaum. Aber beweist das, dass die Nacht den meisten Menschen tatsächlich nichts mehr zu bieten, nichts mehr zu sagen hat? Kann man über die Nacht und ihre Bedeutung nur noch im melancholischen Ton eines Nachrufs sprechen? Kann man ihr Verschwinden nur noch als einen unter vielen Verlusten verbuchen, wie sie die vernetzte und globalisierte Welt fortlaufend zu verzeichnen hat? Oder ist die Rede von einer Nachtvergessenheit nur der kulturpessimistische Ausdruck technikfeindlicher Romantiker?
Dem Sog solcher Abgesänge auf die Nacht ist entgegenzuhalten, dass sich die von allen Seiten bedrängte, oft schon totgesagte Nacht widerstandsfähiger zeigt als gedacht. Es sind nicht nur notorische Nachtmenschen die die Nacht als ganz eigenen, lebendigen Erfahrungsraum, als notwendige Gegenwelt zur funktionalen Ordnung des Tages erkannt haben und sie wissen wie sehr der Mensch auf die Nacht als einen inneren Rückzugsort angewiesen sind. Und für alle die nicht ganz taub sind für ihre Einflüsterungen, hält selbst die urbane Nacht von heute, noch magische Momente bereit. Immer noch wirkt der Zauber der von ihr ausgeht, ihre dunkle unwiderstehliche Anziehungskraft. Die Faszination, die sie den massiven Abschaffungsversuchen zum Trotz bis heute ausübt, ist ungebrochen. Keineswegs sind es nur unbelehrbare Romantiker, die von sternenklaren Nachthimmeln träumen und an einer Rückkehr der Dunkelheit in die lichtverschmutzte Stadt arbeiten. Es sind keineswegs nur die Schlaflosen, die im Dunkeln von ihren Dämonen heimgesucht werden, nicht nur die labilen Stadtneurotiker, die den nächtlichen Abstieg in die eigenen Dunkelkammern der Seele fürchten, nicht nur Erlebnishungrige, die sie immer von neuem aufladen mit ihren unerfüllbaren Wünschen, Fantasien und Begierden, nicht nur Drogen- und Alkoholsüchtige, denen sich allein in der Nacht die Tür zu ihren künstlichen Paradiesen auftut, und nicht nur von Burn-out Bedrohte, denen sie einen Moment des Atemholens und der Selbstbesinnung verspricht im besinnungslosen Viel-zu-viel ihrer rastlosen Tage. Wir alle bewegen uns, wenn wir an die Nacht denken, in einem kulturell geprägten Vorstellungsraum. Damit verfügen wir, bewusst oder unbewusst, über einen unerschöpflichen Vorrat an Bildern und Assoziationen, Mythen und Metaphern – aus unseren und aus anderen Kulturen. Eindrucksvoll zeugt der ikonographische Reichtum an Darstellungen, zeugen die vielfältigen poetischen und musikalischen Spuren die im Laufe der Jahrhunderte in allen Kulturen hinterlassen wurden, davon, wie tief die Nacht in unsere Vorstellungen und Träumen eingegraben ist. Seit jeher ziehen Kunstschaffende die Nacht heran, zur Vertiefung und Dramatisierung des Dargestellten und zur Steigerung des Ausdrucks der Gefühle - und sie können sich dabei ganz auf die persönlichen Nachterfahrungen ihrer Betrachter und Leser verlassen. Bis heute inspiriert die Nacht Musiker, Fotografen, Filmemacher und Literaten zur ästhetischen Auseinandersetzung mit ihr. Doch die heutigen Bilder der Nacht können denen der Vergangenheit so wenig gleichen wie die Mittel ihrer Darstellung. Das die Nacht in einem Song von DeepPurple heute anders klingt als Mozarts Nachtmusik, Chopins Nocturnes und Schuberts Nachtliedern versteht sich von selbst. Doch auch der zeitgenössische Blick auf die heutige Nacht lebt von dem Fundus vorangegangener Werke, erweitert ihn und sorgt dafür, dass die Nacht ihren angestammten Platz in uns behält. Und keineswegs sind es nur Mitglieder der Hochkulturen die sich mit der Nacht auseinandersetzen. Mit ihrer je nach Bedarf Angst und Schauder auslösenden Wirkung wird auch in der Trivial- und Popkultur ausgiebig gespielt. Ob sie die eine unvergessliche Nacht besingen oder alle Nächte, ob sie sie in ihrer magischen, ihre dämonischen, ihrer abgründigen oder ihrer sündigen Gestalt beschwören, immer zählen sie auf ihre intensivierende, lebenssteigernde Wirkung. Es spricht also vieles dafür, dass sie, die schön-schreckliche Nacht, uns immer noch und immer wieder von neuem als Projektionsfläche für unsere Ängste, Wünsche, Fantasien und Träume dient. Tief in unserer Vorstellungswelt eingelassen entfaltet sie selbst in unserer so gründlich ernüchterten Gegenwart noch ihre dunkle Anziehungskraft – sie ist und bleibt ein Faszinosum. Ganz sicher hat ihre Mythen und Metaphern produzierende Kraft dazu beigetragen, die Vorstellungen, die diese Tochter des Chaos seit Urzeiten begleiten, tief in unser kollektives Gedächtnis zu verankern. Sie nährt sich von den Bildern, die wir von ihr entwerfen. Ob die Nacht uns die Bühne bereitet für den Auftritt der Geister und der Toten, ob nachts die Wölfe kommen oder Vampire, ob es die Zeit ist für Wunder oder Verbrechen, für nächtliche Liebesabenteuer oder Todesängste – wir sind es die in sie hineinlegen, was wir an Nächtlichem in uns tragen oder finden.
Zweifellos hatte die Verklärung und Verehrung der Nacht ihre Hochzeit in der Romantik. Keine andere hat unser Bild von der Nacht so tiefgreifend geprägt, keine hat sie so tief ausgelotet und so poetisch gefeiert. Wie eine ferne Melodie reicht Novalis Liebeserklärung an die Nacht aus einer Zeit zu uns herüber, in der sie als notwendiger Erfahrungsraum nicht nur bei Träumern und Trinkern, Liebenden und Literaten ganz hoch im Kurs stand. Empfänglich für ihre Magie, für ihre abgründigen Seiten ebenso wie für ihre Verheißungen, entdeckten die Romantiker die nichtgenutzten Potentiale der Nacht und stellten sie den von der Aufklärung privilegierten Tag gegenüber als genauso wichtig. In der Musik, der Malerei und der Poesie erkundeten sie ihre Tiefen und verliehen der Nachtseite des Lebens einen neuen verführerischen Glanz. Sie weckten das Bewusstsein für die Gegenwart des Dunklen und suchten im Schatten der Nacht Zugang zu den unbewussten Regionen der Seele. Nicht in die Tiefen des Universums führten die romantischen Entdeckungsreisen, sondern in die unerforschten Tiefen unseres Geistes. Mit tausend lockenden Stimmen schien die Nacht zu denen zu sprechen, die ihre dunklen Botschaften zu hören und in Liedern, Gedichten, Bildern und Erzählungen zu bannen und zu feiern verstanden. Ein unerschöpflicher Brunnen für Märchen, Mythen und Metaphern war sie ihnen, eine geheimnisvolle, poetische Parallelwelt gegen die entzauberte, vor lauter Alltag und eintönigem Einerlei gewordene Wirklichkeit. Sie war das Versprechen welches im Schutz der Dunkelheit aufgehoben sein könnte, was eine der Vernunft und Nützlichkeit huldigende Gesellschaft zunehmend abhandengekommen ist: das Geheimnis, das Unbewusste, Poesie und Liebe. Für die, die sich ihr ohne Angst anvertrauten, hielt die Nacht nicht nur rauschhaft gesteigertes Leben, sondern auch eine andere, tiefere Art der Erkenntnis bereit. Als Gegenpol zu des Tages hochfliegenden Ambitionen der Vernunft und der Wissenschaft versprach die Nacht dem Einzelnen Bindung und Halt in sich selbst. Ein nie versiegendes Reservoire war es den Dichtern, aus dem sie ihre Gedichte und Lieder für die Wiederverzauberung einer entzauberten Welt bargen. In der Poesie feierten sie ihre alles belebende, erotisierende Kraft. Bei aller euphorische Feier der Nacht aber geht es den romantischen Dichtern, Musikern und Malern nie das Bewusstsein für ihre abgründigen, bedrohlichen und zerstörerische Potentiale verloren. Das Janusköpfige der Nacht ist ihnen zutiefst bewusst. Sie wissen aber auch, dass der Mensch in die finsteren Abgründe seiner Seele hinabsteigen muss, will er seine innere, seine ganze Wahrheit finden.
Die Schlaflosen sind zum Wachsein verurteilt, der regenerierenden Kraft des Schlafes und der Träume beraubt, dazu verdammt, mit sich und der Nacht allein all ihre Höhen und Tiefen zu durchleben, ihre Abgründe, ihre Ängste und Einsamkeit, ihre Leere und ihre quälende Langeweile. Ob sie in ihrer Schlaflosigkeit sich ruhelos von einer Seite auf die andere wälzend oder nachts um vier schweigend am Tresen einer leeren Kneipe hocken, ob sie rastlos durch die immer gleichen Straßen ihrer schlafenden Stadt wandern oder sich in der Hoffnung auf ein erschöpftes Einschlafen müde lesen oder fernsehen – sie gehören zu den riesigen, zur Freude der Pharmaindustrie, ständig wachsenden Heer der Schlaflosen, die nachts ihren Tribut zahlen an das Viel-zu-viel ihrer Tage. Sie sind die aus dem natürlichen Rhythmus des Lebens gefallenen Menschen einer radikal ökonomisch denkenden, technologisch hochgerüsteten, medial überfütterten Zivilisation. Sie versinken nicht mehr in die Nacht, sie sind ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der ruhigen Schläfer. Doch gestehen wir uns ein, dass wir einige unserer tiefsten Einsichten, unserer Wahrhaftigsten Gefühle, unserer hochfliegendsten Träume und unsere besten Einfälle einer schlaflosen Nacht verdanken, und vergessen wir nicht, wie grauenhaft sich ein die Tage anfühlen nach einer Folge von Nächten ohne Schlaf. Anderseits weiß manch einer erst nach so einer nicht enden wollende Nacht wer er ist. Weiß was es heißt, schlaflos auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Weiß, wie es sich anfühlt, wenn uns die Dinge und Menschen eine andere, unheimlichere Seite zuwenden als im Licht des Tages. Findet erst im Schutz der dunklen Abgeschiedenheit den Mut, den es braucht, um sich selbst zu begegnen.
Homo Technicus
Spring du nur fleißig
Technikbewaffneter
Durch das Multiversum
Träumend von meiner Mondbarke aus
War ich überall
Schon lange vor dir da
Du bist stets kopflastig
Und dein Herz
Läuft auf wunden Füßen
Hinter dir her
Nachts
Nachts
Wenn du in Träumen liegst
Sammle ich deine Atemzüge
Auf meiner Feder
Verspinne sie
Mit meinen Gedanken
Zu geheimnisvollen Wörter
Schreibe daraus ein zartes Gedicht
Füge sanfte Liebkosungen ein
Benetze es mit deinem Duft
Lies es in den Momenten
Wo ich nicht da bin
Um die frierende Seele zu wärmen
Schlinge die Wörter mit deiner Zärtlichkeit
Um deinen Leib
Verknote es mit mir
Nachts
Wenn du in Träumen liegst
Und letztendlich: die Abschaffung der Nacht. Der Slogan aller Metro- und Megapolen der Welt ist der, dass sie die Nacht abgeschafft haben, dass sie durchgehend geöffnet haben. 24/7 lautet das Kürzel für diese Vision einer Welt, die keine Zeit zu verschwenden hat und sich der Verwirklichung ihres kapitalistischen Traums bereits mit großen Schritten nähert. Es ist der Traum von einer Welt, in der rund um die Uhr produziert, konsumiert, bestellt und geliefert, unterhalten und gefeiert werden kann. Einer taghell ausgeleuchteten, voll transparenten, grenzenlos flexiblen und hochverdichteten Arbeits- und Konsumwelt deren Kapazitäten bis zum Äußersten genutzt werden können. In Zukunft wird nur eine 24/7-Gesellschaft den immer härter werdenden globalen Wettbewerb standhalten können, eine durchrationalisierte Tageswelt, in der die Nacht nur noch kontraproduktiv ist. Der bereits jetzt vielfach vernetzte, permanent eingeloggte Gegenwartsmensch soll im Idealfall bis in die Nacht erreichbar, verfügbar, verwendbar sein und nach Kräften an der eigenen physischen und psychischen Optimierung arbeiten. Zwischen Fitnessstudio und Apotheke pendelnd arbeitet er jetzt schon eifrig an der eigenen Tauglichkeit für die schöne 24/7-Welt. Mit Pillen wird der Bedarf an Schlaf gesenkt, mit Pillen die Konzentration erhöht, helles Tageslicht mit hohem Blauanteil hält ihn nachts im Büro wach, Schlaftabletten sorgen für kurzen Schlaf, mit Drogen macht er sich fit für das Nachtleben mit 3-Tage-wach-Option und mit Tabletten hält er seine Depression in Schach. Permanent im Aktivitätsmodus, verschwimmt ihm unbemerkt die Grenze zwischen Tag und Nacht. Noch erinnert die ständige steigende Anzahl von Burn-outs und Depressionen daran, dass der scheinbar grenzenlosen Ausnutzung der Ressource Mensch Grenzen gesetzt sind und dass auch der technologisch bestens ausgestattete Selbstoptimierer immer mit der zerbrechlichen Beschaffenheit seines Körpers rechnen muss. Dieser unkalkulierbarer Rest der Natur unterscheidet ihn z.Z. noch unvorteilhaft von den verlässlicheren und schlaflosen Robotern sowie Computer. Aber der Transhumanismus arbeitet daran, diesen Makel auszumerzen.
Wir müssen zusehen, wie die von allen Seiten bedrängte Nacht ihre rätselhafte Anziehungskraft zu verlieren droht, und ahnen, dass uns damit mehr verloren geht als „nur“ das ästhetische Erlebnis der Nacht. Das Gefühl führ ihre Majestät, der Sinn für ihre Schönheit und ihre inspirierende Tiefe, die die Romantiker so emphatisch gefeiert haben, verflüchtigt sich im nüchternen Licht der Moderne, das Gespür für das Geheimnis, das Verborgene, das Unbekannte und Fantastische wandert aus unserer lebendigen Erfahrung aus in die virtuellen Szenerien der Fantasy-Welten. Was denen, die mit der Nacht verbunden sind, nicht verlorengeht ist das Bedürfnis nach einem Ort der den rationalen und pragmatischen Zugriff des Alltags und seiner Denkweisen entzogen ist, einem ganz eigenen Reich der inneren und äußeren Freiheit. Dieser geschützte nächtliche Raum gibt uns die Chance, unbehelligt von den ständigen Einflüsterungen des Zeitgeistes, freier, eigensinniger, radikaler zu denken, zu fühlen, zu wünschen, zu träumen, zu lieben und zu genießen, als unsere von Routine, Konsens und Pragmatismus geprägten Tage es zulassen. Nachtmenschen, die die kreativen Potenziale der Nacht für Traum und Fantasie auszuschöpfen wissen, erhalten einen Teil ihrer Souveränität zurück die der Alltag der Moderne so erfolgreich dezimiert. Denn aus der Perspektive der Nacht vermögen sie einen anderen Blick auf die seltsamen Rituale unseres Alltagslebens zu werfen. Im frostigen Klima einer alternativlos gedachten, dem Wachstum verschriebenen Zivilisation gibt ihnen ihr nächtliches Refugium vorübergehend individuellen Halt, ein genaueres Gefühl wer sie sind und den Genuss ganz bei sich zu sein, die Gewissheit zu er-leben. Die Romantiker haben schon sehr früh erkannt, in welchen Sackgassen uns ein Denken führt, das die Vernunft und den Fortschritt verabsolutiert. Als hätten sei geahnt, dass uns Heutigen das Schicksal droht sich selbst zu verlieren.
Heute ist die Utopie einer tiefgreifenden Veränderung in weiter Ferne gerückt und undenkbarer denn je. Aber nichts hindert uns daran, etwas vom nächtlichen Glanz in den grauen Alltag mitzunehmen. Statt unsere Sehnsüchte nach Freiheit, Lebensfreude und Gemeinschaft in Freizeit-Ghettos zu befriedigen, könnten wir sensibilisiert durch die tiefen Erfahrungen und Erlebnissen der Nacht unsere ur-eigensten Wünsche und Fantasien erfüllen. Und was wir mitnehmen aus der Nacht, ist das Staunen darüber, dass die Menschen heute, wie hypnotisiert von den „Segnungen“ des technologischen und digitalen Fortschritts, den Blick verloren haben für die Dürftigkeit und Banalität ihres realen Alltaglebens. Doch zum Glück hält die Nacht vieles für uns bereit, was aus unseren entzauberten Tagen verschwunden ist. Dem ästhetischen Erlebnis der Nacht, dem Gefühl für ihre dunkel leuchtende Schönheit, wird sich wohl kaum jemand verschließen können. Die feierliche Andacht, die uns überkommt beim Blick in die schwarze, unergründliche Weite des Nachthimmels und uns daran erinnert, wie unlösbar wie versschmolzen mit der Nacht wir sind. In solchen Momenten bekommen wir ein Gefühl für die Magie der Nacht und eine Ahnung davon, warum sich uns nachts die Dinge des Lebens in einem völlig anderen Licht darstellen als in dem des Tages. Dann erscheinen uns die inneren Verwandlungen die sie bewirkt, die unerklärliche Wendung, die sie Gefühlen, Gedanken, Wahrnehmungen und Wünsche zu geben vermag, nicht mehr ganz so rätselhaft und der Gedanke, dass sie zuerst da war und noch lange da sein wird, wenn nichts mehr ist, bekommt etwas zutiefst Beruhigendes. Und ja, auch Tröstliches.
In einer Nacht wie dieser
Seidige Nebelschleier schweben sanft
Durch Wipfel greisenhafter Bäume
Sanft und schwer sinkt der Mond
Hinter scherenschnittige Berge
Nur der Schein strahlt zurück
Wolken schweben in dessen Glanz
Über heilige Tempel der Natur
In einer Nacht wie dieser
Wo der Wind geheimnisvolle Geschichten erzählt
Wo das Raunen der Blätter
Ein Summen von mystischer Melodie
In einer Nacht wie dieser
Wo Geister über die Erde schweben
Wo geheime Tore sich öffnen
Und Feen zum Zaubern bereit sind
In einer Nacht wie dieser
Wird das Leben erkannt
Doch wer vermag
Ewigkeiten zu erkennen?
In einer Nacht wie dieser
Eintauchen in längst vergessene Welten
Und auf dem Weg zum Abschiedstal
Dem Leben noch einmal ein Leben geben
Text, Gedichte und Fotos © by Kai-Uwe Götz







